Die Oekumene am Scheideweg

Die Konfessionen zwischen Verschmelzung und Anerkennung
Ludwig-Windthorst-Schule

Richard Schenk OP
Berkeley

 

Zunaechst moechte ich mich fuer die Einladung zum heutigen Neujahrsempfang herzlich bedanken; aber zugleich muss ich doch auch zugeben, dass das Thema mir nicht nur helle Freude bereitet. Zwar auch Freude, das gebe ich zu: denn die Oekumene, also die enge Kommunikation unter den christlichen Kirchen, gehoert zu den erfreulichsten Entwicklungen der letzten Jahrzehnte: etwas, was man auch in Zukunft nicht missen moechte. Davon erzaehle ich nicht ungern. Aber neben der Freude kommt auch ein gewisses Unbehagen auf. Denn die Oekumene ist in der Tat an einem Scheideweg angelangt, wo entschieden werden muss, wohin der Weg der christlichen Kirchen im Umgang miteinander in naechster Zeit gehen soll: auf dem Weg des fortschreitenden Konsenses und allmaehlich der Verschmelzung wieder in eine einheitliche Grosskirche; oder auf dem Weg des Miteinanders mehrerer Konfessionen, deren grundsaetzliche Christlichkeit zwar ausser Frage steht, wo es aber verschiedene Gestalten christlicher Identitaet sind, die zunaechst in einem gewissen Wettstreit miteinander liegen, die aber vielleicht - das waere zumindest die Hoffnung und der Massstab des Gelingens oder des Scheiterns - auch eine Ergaenzung fuereinander bedeuten koennten. Es gibt also zwei moegliche Wege an dieser Gabelung der Oekumene. Und es gibt gute, wichtige, auch mir persoenlich wichtige Christen, die meinen: da gehtís lang; und es gibt andere gute, wichtige, auch mir persoenlich wichtige Christen, die meinen: nein, gerade anders: lieber dorthin. Meine Aufgabe heute ist es, etwas von dieser anstehenden Entscheidung der Oekumene zu berichten.

Es gibt grundsaetzlich zwei Arten des Streites. Es gibt erstens den Streit, der trennt. Das kommt haeufig vor und ist uns nur allzu bekannt: in so einem Fall heisst es, zwei seien im Streit auseinandergegangen. Ludwig Windthorst, obgleich er den parlamentarischen Streit bevorzugte, kannte durchaus auch den Streit, der trennt; er kannte uebrigens auch den Streit, der zunaechst im Sieg der einen Seite den Besiegten nur zwangsweise und aeusserlich eint, also die Trennung zunaechst nur verinnerlicht und vertieft. Der trennende Streit entspricht aber dem landlaeufigen Streitbegriff, so dass viele Christen, wenn sie sonst nur wenig wissen oder gelegentlich auch vielleicht sonst nur wenig wissen wollen, worueber die Kirchen miteinander streiten, eines doch zu wissen meinen: das Streiten sollte unbedingt und moeglichst bald ein Ende haben. Zum Teil haben sie Schmerzliches richtig in Erinnerung, zum Teil geben sie damit auch ein gewisses Desinteresse an der Sache selbst zu, jedenfalls gehen sie davon aus, dass jeder Streit trennt. Wenn ich an meine eigene Schulzeit zurueck denke, an eine Zeit also, wo jeder besonders grundsaetzlich ueberlegt, ob er oder sie ueberhaupt an Gott und an Christus glauben kann, dann scheinen die Dinge, worueber die Kirchen ihren Wettstreit fuehren, weit, weit weg. Das stimmt natuerlich auch: im Vergleich zu der Frage, ob es ueberhaupt einen Gott gibt, der mich so liebt, dass er mein Leben mit mir teilt, auf dass ich sein Leben teilen darf, ja, dann ist das alles sekundaer, beinahe belanglos. Aber wenn ich mich doch angezogen fuehle, um glauben zu koennen, dann treffe ich zunaechst auf ein Christentum der Konfessionen - orthodox, roemisch-katholisch, lutherisch, reformiert, usw., und da muss ich mich fragen, was das fuer einen Sinn haben soll. Wer meint, Streit kann nur trennen, der muss sagen, die christlichen Konfessionen seien geradezu widersinnig. Nicht zu leugnen, ist, dass die Konfessionalisierung des Christentums oft genug widersinnig verlief.

Aber es gibt gelegentlich, wenn auch nur selten, eine zweite Art des Streites, einen Streit, der auch zwei naeherbringen kann, jenen Streit, der geradezu verhindert, dass man - und sei es im Stillen - auseinander driftet oder - vielleicht in bloss aeusserlicher Naehe zueinander bleibend - doch das wirklich Gemeinsame verliert, das innerlich erfuellen und verbinden kann. Es ist dies der begnadete Streit, der fuer beide Seiten die gemeinsame Wahrheit und damit ihre Einheit retten kann.

Die Geschichte aller Religionen, sicherlich aber des Christentums kennt beide Streitarten, und zwar von Anfang an. Petrus und Paulus haben miteinander gestritten: und zwar war dies ein Streit, der zunaechst drohte, ihre Gemeinden voneinander zu trennen. Zum Glueck fanden sie aber dann den Weg dazu, sich auf diese zweite Art zu streiten, nicht total, nicht ganz bis zum Bruch, sondern auf die Einheit und die vollere gemeinsame Wahrheit hin. Ihr Streit ist uns im Neuen Testament ueberliefert, und er ging zunaechst heiss zu. Auch spaeter berichtet Paulus leidenschaftlich darueber: îAls Kefas (Petrus) aber nach Antiochia gekommen war, bin ich ihm offen entgegengetreten; denn er setzte sich ins Unrechtî (Gal 2, 11). Was war damals los? Etwa 15 Jahre nach seiner Bekehrung kam Paulus nach Jerusalem, um eine dringende Frage gemeinsam zu klaeren. Paulus hatte sich naemlich besonders um die Verkuendigung des Evangeliums unter den Heiden, also den Nicht-Juden, in Kleinasien gekuemmert; er war damals noch nicht nach Europa gekommen. Paulus betrachtete das Evangelium Jesu als fuer jeden Menschen derart entscheidend, dass er die Heiden als Juenger Jesu Christi gewann, ohne sie auch noch zu Anhaengern der juedischen Braeuche zu machen. Paulus fuehrte diese Nicht-Juden also nicht zunaechst in die aeltere Observanz des juedischen Kultes und der juedischen Braeuche ein, sondern er predigte allein und sofort die neuartige Nachfolge Christi. Als Paulus in Antiochien, der noerdlichen Hauptstadt Gross-Syriens war, kamen aber dann Judenchristen aus Jerusalem, die sich auch fuer genuinere Christen hielten als diesen nicht ganz geheueren Paulus. Sie misstrauten ihm als einem selbstgelehrten Konvertiten, der kaum zu denen Kontakt hatte, die Jesus von Nazarath unmittelbar gekannt hatten. Sie taten Paulus ab als einen zur Radikalitaet geneigten Zeltmacher aus der Tuerkei, der frueher fast eine Art juedischer Inquisitor gewesen war, jetzt aber eher anti-juedisch aufzutreten schien. Die Judenchristen aus Jerusalem kritisierten die von Paulus begonnene Praxis und bestanden darauf, Christsein hiesse auch juedisch sein. Ein jeder Christ habe also die religioesen Braeuche des Ersten Bundes zu uebernehmen. Paulus widersprach dieser Auffassung aus Jerusalem, er reiste aber jetzt auch dorthin, um ueber die Frage gemeinsam zu streiten.

In Jerusalem bekam Paulus besonders von Petrus Unterstuetzung fuer seine Auffassung. Unabhaengig von Paulus hatte sich Petrus ohnehin in die gleiche Richtung bewegt. Petrus hatte naemlich auch seinerseits Tischgemeinschaft mit den zu Christus bekehrten Heiden praktiziert - und zwar gemaess ihrem nicht-juedischen Brauchtum. Auch nach der Auffassung des Petrus hiess es: die zu Christus bekehrten Heiden muessten nicht erst Juden werden, um Christen zu sein. Bei dem Treffen in Jerusalem verteidigte Petrus deshalb den Standpunkt des Paulus gegen die andersdenkenden Christen um Jakobus (Apg 15, 6-11).

Diese Verteidigung schien zunaechst erfolgreich; denn daraufhin gestand die Jerusalemer Gemeinde dem angereisten Paulus zu, seine Praxis fortzufuehren und die Heiden zum Christsein einzuladen, ohne sie zugleich zum Judentum zu bekehren. Vielleicht stellte man sich in Jerusalem vor, es wuerde nach der Beilegung des Streites wohl zwei nebeneinander stehende Christengemeinden geben ñ eben ohne Streit, aber doch voneinander getrennt: die Heidenchristen auf der einen und die Judenchristen auf der anderen Seite. Der Leiter der Jerusalemer Gemeinde, Jakobus, wohl aber auch Paulus, waren vielleicht auch dieser Ansicht: Paulus sollte sich um die Nichtjuden in den neuen Missionsgebieten kuemmern, zunaechst in Kleinasien, bald aber auch in Europa; Petrus waere in aehnlicher Weise fuer die Judenchristen zustaendig. Schon bald aber spuerte man jenen Drang zur Einheit, der aus dem Evangelium Jesu Christi hervorgeht. Das Problem zeigte sich spaetestens dort, wo die juedischen und die nichtjuedischen Christen nebeneinander wohnten. Koennte getrennt leben, was Jesus Christus vereinigt hatte? Koennten getrennt beten, die sich zu dem einen Mittler bekannten?

Bei einem eigenen Besuch in Antiochien bemuehte sich Petrus um die Vertiefung des Glaubens unter den Judenchristen. Um keinen Anstoss bei ihnen zu erregen, mied Petrus die nichtjuedischen Christen und pflegte Gemeinschaft nur mit den juedischen Christen. Zwar wusste er, dass solche Braeuche und Trennungen an sich ueberfluessig waren, aber er wollte - neudeutsch gesprochen - die juedischen Christen dort abholen, wo sie waren. Allein, er erweckte damit den Eindruck, die nichtjuedischen Christen muessten doch auch juedisch werden, wollten sie je mehr denn als Christen zweiter Klasse gelten. Daraufhin erhob Paulus seinen Einspruch: Als Kefas aber nach Antiochia gekommen war, bin ich ihm offen entgegengetreten; denn er setzte sich ins Unrecht (Gal 2, 11). Paulus packte Petrus hart an. Uns ist leider nicht ueberliefert, wie Petrus den Widerspruch des Mitbruders aus der Tuerkei empfand, aber es kam nicht zu einem Streit, der trennte. Man kann sich aber denken, Petrus war wahrscheinlich am Ende sogar froh, weil durch den Einspruch des Paulus auch seine eigene Auffassung allmaehlich besser zum Ausdruck kam. Paulus konnte auch froh sein, dass seine Gemeinden nicht zu von den apostolischen Kirchen getrennten Sekten wurden. Das Evangelium setzte sich gerade durch diese Dialektik durch. Durch den Streit der beiden - Paulus und Petrus - konnten die nicht-juedischen Christen voll integriert werden, ohne die Judenchristen zu verlieren. Haette es nur die Predigt des Paulus gegeben, so waeren die Juden, die sich zu Christus bekehrten, noch weniger zahlreich gewesen als sie ohnehin waren. Damit waere auch die Praesenz des Ersten Testaments im Neueren Testament kleiner gewesen. Man haette schwerlich die Kraft gefunden, um die Gnostiker wie Markion zurueckzuweisen, der behauptete, der Gott des Ersten Bundes sei ein Gott des Schreckens gewesen. Die Predigt und das pastorale Engagement des Petrus war also notwendig. Haette es aber nur die Predigt des Petrus gegeben, so waeren selbst seine eigenen Einsichten zu kurz gekommen. Man haette eine Kirchentrennung zwischen juedischen und nichtjuedischen Christen festgeschrieben und zementiert.

Petrus und Paulus gelang es am Ende - gerade noch - , den trennenden Streit zu vermeiden und statt dessen den auch innerlich vereinigenden Streit vorzufuehren. Der weitere Verlauf der Kirchengeschichte war aber bekanntlich nicht immer so gluecklich: er kannte durchaus auch den Streit, der trennte: zu Beginn unseres Jahrtausends kam es zu einer grossen Trennung zwischen den Kirchen des Ostens und der Kirche des Westens, im 16. Jahrhunderts folgte dann eine Zersplitterung der Kirche des Westens in die roemisch-katholische, lutherische, reformierte, anglikanische Kirchen sowie in viele kleinere Kirchengemeinschaften. Das Zeitalter der Konfessionen hat begonnen. Das von Christus ueberlieferte Gebet, alle seine Juenger moechten eins sein, schien ungehoert zu bleiben. Waehrend sich die Trennung von Osten und Westen neben politischen Spannungen vor allem um die theologische Frage von Tradition oder Fortentwicklung in bezug auf Kirchenlehre und Kirchenpraxis drehte, entzuendete sich der trennende Streit im Westen ebenfalls neben politischen Spannungen an der theologischen Frage, inwieweit sich Gott unmittelbar schenkt oder doch andere Menschen und das Menschliche in jedem Glaeubigen mit in den Dienst seiner Vermittlung aufnimmt. Inwiefern spielen das Glaubenszeugnis und die Gebete anderer Menschen eine Rolle in meinem eigenen Glauben? Inwiefern koennen meine eigenen Impulse und Taten dazu dienen, dass ich von Gottes Gnade bewegt werde? Entsteht und lebt Kirche erst aus den je individuellen Glaeubigen, oder gestaltet und bewaehrt sich der je individuelle Glaube mit aus der kirchlichen Gemeinschaft? Auf den bloss theologischen und kirchenpolitischen Streit ueber solche Fragen folgte in vielen unuebertroffen skandaloesen Faellen der militaerische Streit, Kriege also, die dazu fuehrten, dass auch lange Zeit danach selbst theologische Streitigkeiten eher den Zweck verfolgten, die Trennung zu zementieren oder einen Besiegten nur noch aeusserlich und gezwungen zu vereinnahmen.

Und noch etwas Schlimmes geschah, was weit weniger sichtbar als die Kriege, aber fuer den Glauben der Kirche insgesamt doch ebenfalls verheerend war: die einzelnen Kirchen verloren jeweils viele von den Faehigkeiten, die in die je anderen Kirchen abwandert waren. Die roemisch-katholische Kirche kannte nicht mehr so gut die theologischen Schaetze der altgriechischen Patristik, die eher von den orthodoxen Kirchen gepflegt wurde. Die roemisch-katholische Kirche tat sich nun auch viel schwerer als frueher, die Notwendigkeit goettlicher Gnade zur Bereicherung der menschlichen Freiheit und kultureller Leistung so tiefgruendig zu erkennen, wie dies in der lutherischen Kirche geschah. Aehnliche Verarmung kannte - und kennt - jede der Konfessionen. Die konfessionsinternen Streitigkeiten, die wie einst zwischen Petrus und Paulus notwendig gewesen waeren, um zur gewollten Fuelle des Christlichen zu erlangen, wurden unterdrueckt, um nicht schwach nach aussen zu erscheinen. So kam es zu vielen innerkonfessionellen Burgfrieden, die zwar den inneren Streit vermieden, aber dafuer den Glauben umso grauer und unbestimmter erscheinen liessen: etwa zur Beendigung des Gnadenstreites im innerkatholischen Bereich, der dazu fuehrte, dass nach dem fruehen 17. Jahrhundert die roemisch-katholische Theologie weitgehend auf den Einspruch der lutherischen Theologie angewiesen war, um sich der eigenen Lehre von der notwendigen Initiative Gottes zu erinnern. Drei Jahrzehnte zuvor geschah Aehnliches im innerlutherischen Bereich, wo 1577 die Gefahr einer Zersplitterung des Luthertums durch einen aehnlichen Burgfrieden beseitigt wurde, allerdings mit dem Nachteil, dass ab dem 17. Jahrhundert die Lehre von der Rechtfertigung allein aus der Gnade selbst fuer viele Lutheraner zugedeckt wurde, so dass erst in Erinnerung ans Gegenueber der roemisch-katholischen Theologie diese Hauptsache des Glaubens wieder nachempfunden werden konnte, dass naemlich nach fruehlutherischer Ueberzeugung unsere groesste Hoffnung im Leben auf dem nackten Glauben beruht, dass Gott von sich aus unser Leben und unser Schicksal mit uns in Christus teilt, auch und vielleicht oft gerade dort, wo dieses Leben nicht so gelungen zu verlaufen scheint. Die innerkonfessionellen Burgfrieden machten die trennenden Streitigkeiten der Konfessionen umso schlimmer; denn sie verhinderten, nachdem man vorher viele Wahrheiten an andere Konfessionen abgegeben hatte, dass man die Notwendigkeiten erkannte, sich Hilfe von aussen zu suchen, und sie im Gegenueber der anderen Konfessionen zu finden.

Das war aber zum Glueck nicht das letzte Kapitel der Kirchengeschichte. Nach vielen Anlaeufen, nicht zuletzt Ende des 17. Jahrhunderts hier in Hannover im Kreis um den Philosophen Leibniz, den evangelischen Abt Molanus und den katholischen Bischof Rojas y Spinola, kam es vor allem in unserem Jahrhundert, zunaechst im evangelischen und anglikanischen, allmaehlich auch im orthodoxen, mit dem II. Vatikanischen Konzil der 60er Jahre dann doch endlich auch im roemisch-katholischen Bereich, zum Durchbruch der oekumenischen Bewegung. îOekumeneî ñ dass heisst so etwas wie das îGlobaleî ñ fing aber an, in erster Linie den trennenden Streit der Konfessionen zu ueberwinden, indem sie das Gemeinsame zwischen den Konfessionen ausarbeitete; man spricht da von Konsensoekumene. Es dauerte etwas laenger, bis man allmaehlich erkannte, dass die Konfessionalisierung nicht nur, aber auch eine oft uebersehene Bereicherung fuereinander darstellte. Das urspruengliche Ziel einer organischen Einheit aller Kirchen - das Ziel einer Fusion oder Verschmelzung ñ wich nach und nach und nur zum Teil dem Ziel einer Einheit in versoehnter Verschiedenheit. Weil keine Konfession alle Schaetze des Christentums in sich birgt, sind sie aufeinander angewiesen, auch um ermahnt zu werden, Einspruch von aussen zu hoeren, und den vereinigenden Streit zu erfahren, der sie zur Fuelle des Evangeliums lenkt.

Auch heute wird oft in Frage gestellt, - und zwar quer durch die Konfessionen - , ob Streit irgendwelcher Art ueberhaupt noch ein Mittel unserer Annaeherung sein kann, d.h. ob es heute noch einen Streit geben kann, der wie einst die Kirchengemeinschaften zu einigen vermag. Unter Theologen und in den Kirchenleitungen, im besonderen Masse aber in den Gemeinden herrscht oefter noch das gegenteilige Gefuehl, dass es keine gravierenden Unterschiede mehr gibt, dass es einfach keine mehr geben darf. Das erlebten wir oefter im vergangenen Jahr, als es zunaechst aussah, dass ein rein nach konsensoekumenischen Gesichtspunkten ausgearbeiteter Burgfrieden zwischen den lutherischen Kirchen und der katholischen Kirche unterzeichnet werden sollte, dann aber solange vertagt wurde, bis auch die einigenden Streitpunkte darin ebenfalls Beachtung finden.

Die Arbeit an dieser Erklaerung wird uns voraussichtlich in den kommenden Wochen wieder beschaeftigen. Sie laeuft aber seit fast 20 Jahren, genau gesagt seit 1980. Mir, der ich 1977 nach Deutschland kam, um Theologie zu studieren, kommt das vor wie eine kurze und sehr spannende Zeit. Es ist aber sicherlich ernuechternd, zu denken, dass diese Zeitspanne etwas aelter ist als die meisten von Ihnen. Es war aber eine Zeit, in der vieles im einigenden Streit Jahr um Jahr gewonnen wurde, das vielleicht durch den blossen Burgfrieden wieder verloren ging. Der Weg war oder ist in diesem Fall vielleicht wichtiger als das zunaechst angegebene Ziel.

Inzwischen ist jedenfalls die Ueberzeugung gewachsen, dass die schlimmsten Folgen der Kirchentrennung nur zu ueberwinden sind, wenn die frueheren Streitpunkte zwischen lutherisch-evangelischer und roemisch-katholischer Lehre auch heute noch ernsthaft diskutiert werden. Dort, wo frueher gestritten wurde, in der Rechtfertigungslehre sowie in der Lehre von den Sakramenten und vom Amt, sollten auch heute das gemeinsame Zentrum und die bleibenden Brennpunkte des lebendigen Glaubens aller Christen gesucht werden. Die ersten Reaktionen auf die Bedenken, die auf lutherischer wie auf katholischer Seite gegen den Eindruck des grauen Konsenses erhoben wurden, waren freilich oft weitgehend negativ. ìWie lange noch?î wird oft gefragt, ohne zu sagen, was fuer ein Ziel angestrebt wird. Oft hat man dabei aber zu schnell reagiert und die Bereicherung durch konfessionelle Vielfalt zu schnell vergessen. Freilich gibt es auch heute das trennende Streiten, das zu ueberwinden ist. Aber ein gegenseitiges Desinteresse an den strittigen Lehren von einst ist seinerseits ein Warnsignal dafuer, dass an der Stelle des Evangeliums ein gemeinsames Abgleiten beider Konfessionen in den vagen Naturalismus oder einen blossen Moralismus zu befuerchten ist. Die Diskussion hat jedenfalls in den evangelischen wie in den katholischen Gemeinden die Frage nach dem Kern und Zentrum des Christentums verdeutlicht. Durch die Erinnerung an den evangelischen Einspruch von einst, endgueltiges Heil komme allein durch den einen Mittler Jesus Christus, koennten reformatorische Christen auch heute der Gefahr entgegenwirken, an die Stelle des Glaubens nur noch den moralisierenden und sozialen Aktivismus zu setzen, oder positiver und besser gesagt: es koennte ihnen durch diesen Einspruch gelingen, jenen Glauben zu bewahren, der einen staendigen und lebendigen Impuls zur politischen und sozialen Aktivitaet stiften kann. Durch die Erinnerung an den evangelischen Einspruch von einst, endgueltiges Heil komme allein durch den einen Mittler Jesus Christus, koennten aber auch roemisch-katholische Christen von heute die Gefahr ihres Abgleitens in den Naturalismus vermeiden, der die Religion mit allgemeinem menschlichen Anstand, mit der sonst verfuegbaren Freiheitsgeschichte oder mit einer allgemeinen Psychologie gleichsetzen wuerde, eine Haltung, die zu zweifeln geneigt waere, ob es ueberhaupt wichtig sei, an Jesus Christus zu glauben oder nicht, ob man die Hl. Schrift oder gleicher Weise auch Maerchen und Mythen ausdeute, und ob von Christus gestiftete Sakramente irgendeinen Vorzug vor anderen denkbaren Riten und Symbolen haben. Eine Ermahnung, sich auf die aeltere katholische Tradition zu besinnen, wuerde heute die meisten Katholiken kaum bewegen, wohl aber der Gedanke, dass sie ohne Rueckbesinnung auf die Botschaft von der Gnade die Gemeinschaft mit den evangelischen Mitchristen gefaehrden koennten. Daher brauchen auch und gerade die katholische Kirche und ihre Theologie den lebendigen reformatorischen Einspruch. Ohne diesen Einspruch aus den anderen Konfessionen waeren sie in der Gefahr, noch weniger katholisch zu werden. Mit dem Einspruch des Anderen erhalten sie aber einen weiteren Impuls, dem Evangelium gemaess zu leben. Die Anerkennung der verbliebenen Verschiedenheit, die Anerkennung des bleibenden Einspruchs, kann den je eigenen Glauben an das Evangelium bereichern. Und aus der Kraft dieses Evangeliums, das wir nur in einer - zwar nicht immer bequemen, aber doch letztlich versoehnten - Verschiedenheit einigermassen vollstaendig verkuendigen koennen, koennen wir auch der Welt von heute und morgen noch dienen.