Streit zwischen Brüdern

Robert Kilwardby und Thomas von Aquin

Richard Schenk OP
Berkeley

I.
"In scandalum ordinis"

Im Jahr 1278 fand das Generalkapitel der Dominikaner in Mailand statt. Die Kapitelväter beschlossen, zwei Visitatoren nach England zu entsenden. Sie hatten eine sehr bestimmte Aufgabe: "Wir befehlen frater Raimund von Mevouillon und frater Johannes de Vigoroux, Lektor von Montpellier, streng, sich in aller Eile nach England zu begeben und dort sorgfältig über die Taten der Mitbrüder nachzuforschen, die zum Skandal des Ordens die Schriften des verehrungswürdigen Paters, frater Thomas von Aquin, verunglimpft haben. Wir geben den beiden ab sofort Vollgewalt über Haupt und Glieder, um diejenigen zu bestrafen, die sie in der genannten Sache für schuldig finden. Sie haben Vollgewalt, die Schuldigen aus der Provinz zu weisen und sie aus jedem Amt zu entfernen." Das Kapitel wußte wahrscheinlich schon, daß der Hauptgegner der Schriften des Thomas, der Dominikanerbischof Robert Kilwardby, England bald verlassen würde. Das "scandalum" schien maßgeblich von ihm auszugehen. Seit 1272, seit rund sechs Jahren also, war Robert Kilwardby Erzbischof von Canterbury und Primas von England. Als solcher war er natürlich weit jenseits der Jurisdiktion des Ordens. Der Beschluß des Generalkapitels galt nicht Robert selbst, sondern jenen Dominikanern, die sich um ihn herum als Kritiker der Schriften von Thomas und anderen geschart hatten. Thomas war übrigens gut vier Jahre vor dem Kapitel gestorben, am 7. März 1274. Einer der frühen Verteidiger des Thomas gegen Robert, der Dominikaner Aegidius von Lessines, nannte die Kritiker des Aquinaten "Cantuarienses", "Parteigänger des Erzbischofs von Canterbury". Am 4. April 1278 wurde Robert Kilwardby zum Kardinalbischof von Porto ernannt. Zwar hat Robert dann erst im Juni seinen Rücktritt von der Erzdiözese erklärt; die Reise nach Rom wollte vorbereitet werden, und Robert trat sie nicht vor dem Spätsommer an. Aber seit dem Frühjahr war nun bekannt, daß der Ortswechsel bevorstand. Das Fehlen Robert Kilwardbys in England bedeutete, daß der Beschluß des Kapitels umso mehr Aussicht auf Erfolg hatte; die Cantuarienses hatten ihre Mitte und größte Stütze verloren.

Wir erfahren nicht, was diese anderen Dominikaner genau getan hatten, um den Zorn des Kapitels zu erregen. 1278 ist von einer Verunglimpfung der Schriften, 1279 von einer Verunglimpfung der Schriften und des Lebens des frater Thomas die Rede. Es läßt sich aber kaum anders vorstellen, als daß sie unter anderem zwei Veröffentlichungen des Erzbischofs unterstützt, sie vielleicht mitvorbereitet und dann verbreitet hatten. Die erste Veröffentlichung war ein für die Universität geltendes Lehrverbot von 30 Thesen, das Robert Kilwardby im Jahr zuvor, am 18. März 1277, verkündet hatte. Unter den beanstandeten Thesen fanden sich auch Sätze aus der Logik und der spekulativen Grammatik, die zwar die Interessen des berühmten Logikers Kilwardby widerspiegelten, aber nichts mit den Schriften des Thomas von Aquin zu tun hatten. Diese wurden allerdings durch die Zensur einer Reihe von naturphilosophischen und anthropologischen Thesen getroffen, die mit der Einheit von Form und Materie in allen Substanzen, also auch im Menschen zusammenhingen. Die Lehre von der Einzigkeit der substantiellen Form im Menschen bedeutete, daß die Erkenntnis, der Wille und die Seele des Menschen enger mit seinem Leib zusammenhingen, als damals traditionell gedacht wurde. Gott sei aus dem Sein des Menschen in der Welt zu entdecken, nicht umgekehrt. Nach der Lehre des Thomas hieß das ebenfalls, daß auch der Leib mehr mit seiner Beseelung zusammenhing, als man zumeist annahm. Inwiefern der Leib Jesu im Grab oder auch die Reliquien der Heiligen wirklich noch als deren Leib anzusehen waren, war oder schien zumindest durch die neue Lehre in Frage gestellt zu sein. Fraglich geworden schien überhaupt die spekulativ-spirituelle Synthese des hl. Augustinus, die das frühere Mittelalter weitgehend geprägt hatte. Die Zensur Robert Kilwardbys wollte ausschließen, daß die Antworten von Thomas und ähnlich Denkenden als das letzte Wort (determinatio) in diesen Fragen zu gelten hatten. Schon vor der Zensur, spätestens wohl bei seiner Visitation der Universität im Jahre 1276, hatte sich Robert mit den Lehrstuhlinhabern und allen sonstigen Lehrern in Oxford konsultiert. Die große Mehrheit bestätigte seine Ansichten, wobei ihr Empfinden, daß eine derartige Zensur nötig sei, auch zeigt, daß die neue Lehre auch in Oxford Anklang gefunden hatte. Die detaillierte Aufgliederung der einzelnen Thesen der Einheitsvorstellung im Lehrverbot zeigt, daß in einem gewissen Sinn Kilwardby nicht unüberlegt gehandelt hat. Dabei hob Kilwardby selbst hervor, daß ihm philosophische und theologische Berater an der Universität Hilfe geleistet hatten, die wiederum die Argumente der Anhänger der Lehre genau kannten. Die englische Provinz war über die Frage uneins. Der kritische Beschluß des Generalkapitels zielt nicht zuletzt auf die dominikanischen Berater des Erzbischofs.

II.
Zum Skandal des Ordens?

Wenn die Heftigkeit und Eindeutigkeit des Kapitels sowie der Vorwurf, hier sei "in scandalum ordinis" gehandelt worden, den Kreis um Robert Kilwardby etwas überrascht hatte, dann nicht zuletzt wegen des Ansehens des dominikanischen Erzbischofs. Robert galt als einer der hervorragendsten Aristoteles-Kenner auf der Welt. Seine Lehrtätigkeit an der philosophischen Fakultät in Paris um 1240 hatte viel zur Aristoteles-Rezeption beigetragen. Selbst Albertus Magnus scheint von den frühen philosophischen Werken Roberts profitiert zu haben, und noch im 14. Jahrhundert wird "Robert" als Autorität in philosophischen Fragen der Grammatik zitiert. Es ist nicht ganz auszuschließen, daß der junge Thomas Robert persönlich kennenlernte, als er die Jahre 1245 bis 1248 in Paris für erste theologische Studien verbrachte. Einiges deutet darauf hin, daß Thomas zu dieser Zeit auch noch philosophischen Studien nachging. Ob Thomas allerdings direkt bei Robert studiert haben könnte, hängt nicht zuletzt vom unbekannten Datum der Rückkehr Roberts nach England ab. Man darf aber annehmen, daß die Aristoteles-Eifrigen im Orden es begrüßt haben werden, als sich Robert in Paris oder Oxford entschloß, Dominikaner zu werden. Noch vor Abschluß seines eigenen Theologiestudiums wurde der berühmte Aristoteles-Kenner von seinen Ordensoberen gebeten, eine Einführung in das philosophische Arbeiten zu schreiben. Der Bitte entsprach Robert um 1250 mit einem beachtlichen wissenschaftstheoretischen Werk über die Entfaltung und Gliederung der philosophischen Einzeldisziplinen De ortu scientiarum, das auch den bleibenden Ruhm des Meisters begründete.

Diese Berühmtheit "in artibus" verleitete viele mittelalterlichen und modernen Historiker zu der Annahme, Robert sei "magnus magister in theologia" gewesen. Tatsächlich aber scheint Robert die Theologie nicht allzu lange unterrichtet zu haben. Nur wenige streng theologische Werke werden ihm zugeschrieben. Eines der letzten Werke, Roberts Quaestionen zu den Sentenzen des Petrus Lombardus, deutet den späteren Konflikt schon an. Während Robert im ersten Buch noch die Absicht zeigt, Aristoteles und Averroes mit Augustinus zu harmonisieren, scheint er diese Hoffnung im zweiten Buch aufzugeben. In den christologischen Fragen des dritten Buches führt er Aristoteles nur fünfmal an, in der Tugendlehre unterstreicht er die Vorzüge der augustinischen Auffassung. Im vierten Buch erwähnt Robert den Namen des Aristoteles kein einziges Mal, selbst dort nicht, wo kurze Maximen von ihm übernommen werden. Das Werk wurde um 1260 abgeschlossen, einige Jahre vor dem Beginn der scharfen Auseinandersetzungen in Oxford und Paris. In diesem Werk kommt es möglicherweise auch zu einer ersten Kritik Roberts an Thomas, der seinen Sentenzenkommentar etwa drei Jahre zuvor abgeschlossen hatte. Thomas greift einen bei den arabischen Aristotelikern Avicenna und Averroes entwickelten Begriff "instrumentum" auf, um den Sakramenten des Neueren Bundes eine gnadenhafte, "instrumentale" Wirkursächlichkeit zuzuschreiben, die sie von einem bloß symbolischen Kult des Älteren Bundes und von den Riten anderer Religionen unterscheiden sollte. Hingegen versucht Robert, die Sakramente des Älteren und des Jüngeren Bundes weitgehend aneinander azugleichen. In einer der positivsten Darstellungen der alttestamentlichen Sakramente im Mittelalter lehnt Kilwardby auch in bezug auf die christlichen Sakramente die Vorstellung einer Wirkursächlichkeit im strengen Sinn ab und stellt die Sakramente des Älteren und des Neueren Kultes in einen gemeinsamen bundestheologischen Kontext hinein: beide sind Orte der zur Rechtfertigung und Heiligung nötigen Gnade, weil sie beide zu diesem Zweck durch einen Bund oder ein "pactum" eingesetzt wurden. Möglicherweise spielt Robert auf einige Sätze des Thomas an, mit Sicherheit aber folgen die beiden entgegengesetzten Positionen.

Robert scheint zu den zahlreichen Fällen zu gehören, wo eine erst in den Anfängen begriffene theologische Tätigkeit zugunsten ordensinterner Leitungsaufgaben jäh unterbrochen wird. Das hindert ihn daran, wirklich ein "magnus magister in theologia" zu werden. 1261 wurde die gesamte englische Provinzleitung vom Generalkapitel in Barcelona abgesetzt, weil sie die befohlene Einrichtung eines Studium generale in Oxford hinausgezögert hatte, bis eine internationale Finanzierung des Projekts gesichert werden konnte. Im September desselben Jahres wird Robert zum neuen Provinzial gewählt. Er scheint die Hoffnungen der Provinz keineswegs enttäuscht zu haben. Nach elf Jahren entschied wieder ein Generalkapitel, daß die Zeit für einen Wechsel in verschiedenen Provinzleitungen, auch in der englischen, gekommen sei. Doch die englische Provinz widersetzte sich dem Befehl und wählte Robert erneut zum Provinzial. Bevor ein neues Kapitel tagen konnte, wurde Robert zum Erzbischof ernannt. Auch dann blieben die Verbindungen zwischen dem englischen Primas und seinen einstigen Mitbrüdern herzlich. Dem neuen Konvent in London galt seit 1275 seine besondere Fürsorge, die Robert auch nach seiner Übersiedlung nach Italien aufrecht erhielt. Die "Cantuarienses" haben sich wohl nur schwer vorstellen können, "in scandalum ordinis" gehandelt zu haben.

Indes war der Streit um die Einzigkeit der substantiellen Form nicht auf Oxford beschränkt. Er gehörte zu einer größeren Ansammlung von Problemen, die besonders seit dem Ende des Jahrzehnts 1260 - 1270 die Universität Paris beschäftigt hatten. Es ging um die prinzipielle Vereinbarkeit der christlichen Botschaft mit dem antiken Verständnis von Gott, Mensch und Welt, dessen Konturen durch die neue Aristoteles-Rezeption deutlicher geworden waren. 1270 kam es in Paris zu einer ersten Zensur von 13 Thesen. Am 7. März 1277 - also wenige Tage vor Kilwardby - hatte der Erzbischof von Paris, Etienne Tempier, nach Beratungen mit zumindest einem Teil der theologischen Fakultät 219 Thesen verworfen, die von einigen Lehrern der Artistenfakultät sowie außerhalb dieser vertreten wurden, zumindest nach Aussage des Bischofs. Freilich muß mit einer gewissen Überspitzung und Konsequenzmacherei gerechnet werden; oder positiver ausgedrückt: man wollte hier vor Extrempositionen warnen. Es war aber bekannt, daß außer Philosophen wie Siger von Brabant auch gewisse Theologen einige der Thesen vertraten oder vertreten hatten, darunter Thomas von Aquin. In dem einen oder anderen Fall scheint sogar ein wörtliches Zitat aus seinen Schriften entnommen worden zu sein. Da die gerügten Thesen keinen bestimmten Autoren zugeschrieben wurden, war im Mittelalter und bleibt bis heute umstritten, genau welche der Thesen damals bei Thomas vermutet wurden.

Unter den 219 Thesen war aber nichts, zumindest nichts ausdrückliches, gegen die Einheitsthese gesagt worden. In einem Fall schien die Vernunftseele als "forma corporis" und als gesamtmenschliche Vollendung verteidigt zu werden. Diese "Fehlanzeige" wirft die Frage auf, ob es vielleicht nur Zufall war, daß die Verurteilungen in Paris und Oxford ungefähr gleichzeitig ausgesprochen wurden, sprachen sie doch sehr unterschiedliche Probleme an.

Jüngere Forschungen über den Augustiner-Eremiten Aegidius von Rom haben nun Licht in die Frage gebracht. Es steht jetzt fest, daß der Theologe und ehemalige Schüler des Thomas von Aquin ebenfalls in jenem März der beiden Verurteilungen wegen 51 für irrtümlich gehaltener Thesen gerügt wurde, die im eindeutigen Zusammenhang mit den Pariser Lehrverurteilungen von 1270 und 1277 stehen. Etwa dreißig der Thesen konnten auf Thomas von Aquin zurückgeführt werden. Darunter ist auch explizit die These von der Einzigkeit der Form, die hier zugleich im Kontext der größeren Kontroverse zu sehen ist. Die Kontroversen in Oxford und Paris betrafen also beide die Schriften des frater Thomas.

Einer der ersten, die gegen die Thomas mitbetreffende Zensur in Paris protestierten, war der Kurienbischof Petrus von Conflans, der im päpstlichen Sonderauftrag gerade in Paris tätig war, als es zu der Verurteilung kam. Auf seine Einwände hin hielt Etienne Tempier Petrus die Zensur des Amtsbruders in Canterbury entgegen, der, obwohl genauso Dominikaner wie Thomas und Petrus, doch ebenfalls Lehren von Thomas gerügt hatte, nämlich die mit der Lehre von der Einzigkeit der Form zusammenhängenden Gedanken. Daraufhin schrieb Petrus einen Brief an Robert, den Wilhelm von Ockham im 14. Jahrhundert noch erwähnt. Petrus habe Robert scharf getadelt ("acriter reprehendit") und ihm vorgeworfen, Wahrheiten verdammt zu haben. Wahrscheinlich war der Brief des Petrus nicht für die Öffentlichkeit gedacht und auch nicht an sie gelangt; auch Ockham scheint ihn nur aus seiner Kenntnis von der offenen Replik Roberts zu kennen. Von Kilwardbys Nachfolger in Canterbury erfahren wir z. B., daß eine geplante Explizierung der Pariser Lehrverurteilungen auf die strittigen Lehren des Thomas durch bischöfliche Briefe aus der Kurie verhindert wurde. Robert Kilwardby aber verfaßte eine Antwort an Petrus von Conflans, die - wenn nicht ursprünglich, dann zumindest sehr bald - für die Öffentlichkeit gedacht war. Sein Tractatus behandelt eingehend die Fragen der Einheit oder Vielfalt der Formen im materiell Seienden bzw. im Menschen. Tatsächlich schreibt Kilwardby in diesem Brief, er hoffe mit der Veröffentlichung nicht nur Petrus, sondern auch noch viele anderen zu überzeugen. Hier werden die sieben Thesen, die Petrus als "zu Unrecht beanstandete Wahrheiten" bezeichnet, Punkt um Punkt wieder aufgenommen und diskutiert.

Der offene Brief ist zwar nicht datiert, aber er ist sorgfältig ausgearbeitet. Im übrigen war auch schon der Brief des Petrus von Conflans alles andere als unüberlegt. Er hatte seinem Amtsbruder in einigen Punkten recht gegeben - und zwar nicht nur in seinen sprachphilosophischen Belangen, sondern auch in verschiedenen naturphilosophischen Fragen. Petrus unterschied verschiedene Momente der beanstandeten Thesen, verwies auf die vielen Denker, die dort enthaltene Gedanken für wahr hielten. Selbst wenn Petrus von Conflans nicht bis zum Tod des Papstes am 20. Mai gewartet hatte, um an Kilwardby zu schreiben (wie doch im ähnlichen Fall des Kurienbriefs an Tempier), so wird man in England trotzdem einige Zeit gebraucht haben, bevor das Antwortschreiben Kilwardbys bereit stand. Dennoch wissen wir, daß Aegidius von Lessines seinen Traktat gegen diesen offenen Brief Roberts im Juli 1278 abgeschlossen hat. Das deutet auf eine rasche Veröffentlichung des offenen Briefes Kilwardbys hin, die noch einmal die Unterstützung des englischen Erzbischofs durch seine Helfer, in erster Linie Dominikaner, vermuten läßt. Aufgrund der Replik des Aegidius ist es fast sicher, daß Roberts Brief an Petrus vor dem Mailänder Generalkapitel im Umlauf war. Der Beschluß, die Visitatoren nach England zu entsenden, hat auch diese Angelegenheit vor Augen. In bezug auf das ursprüngliche Lehrverbot schrieb Robert an Petrus: "Ich war bei diesem Verbot nicht allein, vielmehr, wie Ihr selber schreibt, kam die Zustimmung aller Oxforder Magistri hinzu, und die Argumentation vieler Theologen und Philosophen, die weiter fortgeschritten sind als ich, hat mich dazu gedrängt...".

Es ist unwahrscheinlich, daß Kilwardby bei dem offenen Brief, in dem er die Zensur verteidigen und erläutern wollte, plötzlich auf sämtliche Berater verzichtet hätte. Unter diesen Beratern läßt die Reaktion des Generalkapitels auch diesmal einige Dominikaner vermuten. Andererseits gibt Robert zu, in bezug auf den Ausdruck "Einheit der Formen" nicht ganz zu verstehen, worum es geht. Obwohl fünf der in Oxford beanstandeten Thesen die Einheitslehre direkt und sechs weitere sie indirekt betrafen, will Robert Einzelfragen wie den Disput über die Materie als pure Möglichkeit bzw. als ein schon geformtes Etwas oder den Streit um die direkte göttliche Erschaffung des Intellekts bzw. aller, auch der niedrigeren Seelenkräfte im Menschen eher begreifen können als die Frage, die Petrus zuletzt stellt. "Wieso dieser Artikel die Behauptung einer Einheit der Formen heißt, verstehe ich nicht ganz. Dieser Artikel war auch nicht mit gerade diesen Worten in Oxford verboten, und ich kann mich nicht erinnern, ihn so gehört zu haben". Er könne aber wohl kaum sehr viele Verteidiger haben, sei es doch evident, daß vegetative, sensitive und intellektuelle Formen des menschlichen Lebens vielfältig sind. Das Lehrverbot wie auch der offene Brief haben zwar die Einzelthesen der Einheitslehre deutlicher als in Paris artikuliert, aber Pointe und Tragweite des Ganzen scheinen zumindest Robert zu entgehen, wohl auch seinen Beratern. Im Gegensatz zu dem Bischof und der theologischen Fakultät in Paris sieht Robert hier keine akute Bedrohung durch die außerchristliche Philosophie. Abgesehen von den Rückverweisen auf das Lehrverbot und den Brief seines Kritikers Petrus von Conflans, ist Aristoteles der meist zitierte Autor im Antwortschreiben, der genauso wie auch Averroes und Avicenna immer positiv zur Unterstützung der Vielschichtigkeit der substantiellen Form herangezogen wird. Robert unterstreicht hier die Harmonie der aristotelischen Lehre von der Materie und der augustinischen Lehre von den rationes seminales. Modern gesprochen heißt das, eine immanente Evolution der Welt von unten und ihre Entfaltung von oben kraft der Transzendenz darf problemlos als Einheit verstanden werden. Der Brief Roberts wirkt gütig, geradezu verklärt, gewiß auch herablassend, im Ganzen eher verwundert, daß hier ein Problem sein soll. Er ist aber deshalb auch unbesorgt, ohne tiefreichende Angst vor einer wirklich großen Gefahr, aber auch ohne Ahnung, hiermit einen schon begonnenen Skandal für den Orden noch weiter zu verschärfen. 

III.
Zum Skandal und zur Erbauung des Ordens

Robert legt Wert darauf, im Gegensatz zum Eindruck des Petrus von Conflans die beanstandeten Thesen nie ausdrücklich als häretisch verworfen zu haben, sondern lediglich verboten zu haben, sie in Oxford als endgültige Antwort zu vertreten: "Keine Verdammung von der Art geschah dort, wie sie in bezug auf explizite Häresien vorgenommen wurde, sondern es kam lediglich das Verbot zustande, solche Thesen als feierliche Entscheidungen in den Sitzungen oder Vorlesungen zu behaupten oder sie auch sonst zu dogmatisieren". Ein späterer Verteidiger der thomistischen Lehre wird sich 1285 gegen die Verschärfung der Kontroverse durch Kilwardbys Nachfolger mit dem Hinweis wehren, daß eine zweite Generalversammlung der Fakultät sowie aller anderen Magistri, die 1277 an der Universität Oxford bei der Annahme der Zensur dabei gewesen waren, feierlich festgestellt hatte, daß die Einheitslehre nie als häretisch verurteilt worden wäre. Ähnlich äußert sich die Fakultät in Paris, so daß es der Fall zu sein scheint, daß man aus der Erfahrung dieser Jahre doch allmählich gelernt hat, deutlicher zwischen den Vorwürfen von Irrtum und Häresie zu unterscheiden. Zumindest in diesem Punkt ist eine Bereicherung der damaligen Streitkultur zu verzeichnen, indem mehr Raum für theologische Kontroverse und für den Widerspruch zwischen Theologen geschaffen wurde, ohne die Frage sofort zum lehramtlichen Ernstfall werden zu lassen. Man fragt sich nur, ob Robert diese Differenzierungen allzu ernst nimmt. Denn er nennt gegenüber Petrus folgende Gründe für das angeblich eingeschränkte Lehrverbot: "...weil einige Thesen offensichtlich falsch sind, weil andere abweichend von philosophischer Wahrheit sind, weil wieder andere in der Nähe zu intolerablen Irrtümern stehen, und schließlich weil einige ganz offenkundig böse sind, da sie dem katholischen Glauben widersprechen". Immerhin sollte im Fall einer Nichtbeachtung der Magister seinen Lehrstuhl und der angehende Lehrer seinen Studienplatz verlieren.

Der Eingriff der Visitatoren in die Kontroverse der englischen Provinz scheint sein Ziel nicht verfehlt zu haben, da binnen kürzester Zeit die englischen Dominikaner zu den führenden Advokaten der thomistischen Theologie geworden sind. Wilhelm Hothum, Richard Knapwell, Thomas Sutton, Wilhelm Macclesfield und Robert Orford gehören neben Aegidius von Lessines zu den Dominikanern, die das Denken des Thomas systematisch rezipieren. Das bestätigt einerseits die Vermutung, daß es auch vor dem Mailänder Kapitel Befürworter der kontroversen Thesen unter den Dominikanern gegeben hatte; sonst wäre höchstenfalls eine passive Befolgung der Beschlüsse zu erwarten. Es kann aber auch andererseits in Vergessenheit geraten lassen, daß ein neuer Faktor erst hinzukommen mußte, bevor es zu dieser ersten großen Thomasschule kam. Es war das Problembewußtsein, das erst aus dem Streit hervorgehen kann: jenes Bewußtsein, das in Robert Kilwardbys Antwort an Petrus von Conflans fehlt, das aber in Aegidius von Lessines' Replik auf Roberts Brief um so deutlicher ist, hatte doch Aegidius seit den 60er Jahren die Entfaltung der Kontroverse in Paris miterlebt.

Der Streit, der zur Freisetzung des nötigen Problembewußtseins und zur Entfaltung der englischen Thomasrezeption führte, kam aus Paris. Das deutete sich schon beim Mailänder Kapitel und im Protestschreiben des Petrus von Conflans an; nur wegen ihrer genaueren Kenntnisse von der Heftigkeit des Streites empfanden sie als Skandal, was in England noch als die Antwort auf Randerscheinungen galt. Zwei Franziskaner brachten den Streit nach England und erreichten das Gegenteil von dem, was sie beabsichtigten: die Verbreitung thomistischen Denkens. Es sind zwei englische Franziskaner, beide Schüler und Nachfolger des Bonaventura in Paris: Johannes Pecham und Wilhelm de la Mare. Van Steenberghen nennt Bonaventura den Inspirator, Pecham den Begründer und Wilhelm den ersten Systematiker des Neoaugustinismus, der sich als Antwort auf die Universitätskrise in Paris herausbildete. Hätte jemand schon damals gedacht, Robert Kilwardby sei als Kardinal nach Rom geholt, um den Dominikanern ein Gefallen zu tun, so wäre er bald enttäuscht worden. Solche Spekulationen haben aber etwas Anachronistisches an sich, da sie eine Hochschätzung des Thomas voraussetzen, die sich erst im Laufe der Auseinandersetzungen herausbildet. Wenn Nikolaus III. mit Robert Kilwardby als Erzbischof von Canterbury unzufrieden war, dann eher wegen Roberts Beschützung seines Ortsklerus gegenüber weltkirchlichen Anforderungen finanzieller Art und wegen zu großer Loyalität zum König. Kardinal von Porto zu werden, galt aber im allgemeinen nicht als Strafbesetzung. In der Person von Johannes Pecham, ehemaligem Lehrstuhlinhaber in Paris und derzeit Lektor an der Kurie, kam ein Erzbischof nach Canterbury, dessen akademische Laufbahn von Anfang an durch die Auseinandersetzung mit Thomas von Aquin geprägt war. Schon bei Pechams inceptio (der Antrittsvorlesung bzw. -disputation eines neuen Magisters) scheint es zum persönlichen Streit mit Thomas gekommen zu sein. Johannes erzählte später auch von ihrer damaligen Konfrontation in Paris um die Einheitsthese. Hatte Robert geleugnet, diese These als explizit häretisch verurteilt zu haben, so insistierte Johannes gerade auf den häretischen Charakter der Lehre und dies auch als etwas, was schon unter seinem dominikanischen Vorgänger festgestanden habe. Der Streit brachte die Opposition der Dominikaner auf einen neuen Höhepunkt. Zwar führte die Auseinandersetzung u. a. zum Entzug der Lehrerlaubnis für Richard Knapwell in Oxford, aber auch zur Entfaltung der Thomasrezeption und zur Fortentwicklung seiner Gedanken. Schon zuvor hatten vor allem die englischen Dominikaner auf Wilhelm de la Mares Correctorium fratris Thomae geantwortet. Das Werk Wilhelms, das immerhin die erste systematische Replik auf Thomas im Licht der Pariser Lehrverurteilung war, schien ihnen doch als eine Verzerrung der Lehre zu sein. Sie nannten es daher nicht das correctorium, sondern das corruptorium fratris Thomae. Die Gegenschriften - correctoria corruptorii genannt - bilden den Kern einer ausgedehnten Literatur, die wir heute als den "Korrektorienstreit" bezeichnen. Hier kam es zur Bildung einer ersten Thomasschule.

Man hat in der früheren Geschichtsschreibung gelegentlich versucht, das Mittelalter als die große Zeit einer Harmonie zwischen Vernunft und Glauben hinzustellen. Der hier kurz und nur bruchstückhaft geschilderte Streit zwischen Mitbrüdern zeigt, wie illusorisch das romantische Bild dieser Harmonie ist. Es gäbe auch sonst noch sehr viel in derselben Linie zu erzählen. Aber gerade der Streit von damals gibt uns heute die historischen Mittel, mit Hilfe der Kontroversen festzustellen, wie das Novum eines Denkers empfunden wurde und was seine eigentliche Intention gewesen ist. Thomas von Aquin wird man nur verstehen können, wenn man ihn aus seinen verschiedenen Gegenpositionen verstehen lernt. Der Versuch, das Mittelalter als eine Zeit der Harmonie hinzustellen, verbaut sich den Weg, das Wichtigste an ihm zu schätzen.

Wenn aber die Harmonie des Mittelalters nicht zu verklären ist, so auch nicht seine Streitkultur. Nicht jeder Streit führte immer zum Fortschritt der Gedanken, und nicht jeder Streit wurde mit Mitteln geführt, die der Nachahmung würdig sind. Das gilt nicht nur für die Konflikte zwischen Lehramt oder Ordensleitung einerseits und Theologie andererseits, sondern auch für den Umgang der Theologen miteinander. Die Wunden des Geistes verheilten doch nicht immer ohne Narben, sowenig wie sie das heute tun. Wohl aber läßt sich umgekehrt sagen, daß es keine positiven Entwicklungen ohne Konflikte in Theologie und Kirche gab. Skandalös wäre es ebenfalls gewesen, wenn Sachfragen, die dem Verständnis des Evangeliums wichtig erschienen, nur aus dem Eigeninteresse an einer Profilierung des Ordens überglättet worden wären. Das wäre nicht nur skandalös, sondern auch kurzsichtig gewesen. Denn der Streit zwischen Robert Kilwardby und Thomas von Aquin, obwohl nicht ohne Skandal, war doch am Ende auch in aedificationem ordinis.